Robert Probst in der Süddeutschen Zeitung über mein Buch „Der Lange Schatten der Täter“

NS-Geschichte
Großvater, der Großverbrecher
12. Juli 2026
Axel Spilcker erzählt von seinem Opa Robert Ley, einem einflussreichen Nazi, und wie seine Familie mit dessen Schuld umging. Ein Buch über Schweigen und vererbte Traumata – und darüber, warum man jetzt davon schreiben sollte.

[Auszug]
Familienbücher über NS-Größen gibt es bisher wenige
Es gibt bisher angesichts der schieren Masse an NS-Verbrechern und NS-Verantwortlichen für den Holocaust erstaunlich wenig innerfamiliäre Auseinandersetzungen, die für die Öffentlichkeit in Büchern verarbeitet wurden. Am bekanntesten ist sicher Niklas Frank, der Sohn des Leiters des Generalgouvernements im besetzten Polen, Hans Frank, der sich in einigen Büchern (vor allem „Der Vater. Eine Abrechnung“, 1987) mit großer Wut und teils verstörender Offenheit an seinem Vater abgearbeitet hat. Auch gibt es Monografien über Heinrich Himmler von seiner Großnichte Katrin Himmler („Die Brüder Himmler“, 2007) und über Hermann Göring von seiner Großnichte Bettina Göring („Der gute Onkel. Mein verdammtes deutsches Erbe“, 2004). Am besten hat die Thematik bisher die Autorin Alexandra Senfft in „Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte“ (2016) zusammengefasst. Alle bei Senfft beschriebenen Verhaltensweisen wie Schweigen, Scham, Verdrängen oder Schuldabwehr finden sich nun auch bei Axel Spilckers Reise in die dunkle Vergangenheit seiner Familie.

zur Rezension in: Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 2026

Historiker: „Nie wieder ist jetzt? Der Slogan verkennt, dass Holocaustleid nie endete“

Manche Shoah-Überlebende leiden erst Jahrzehnte später unter Traumata – indes glaubt Deutschland, die Vergangenheit bewältigt zu haben. Jacob Eder rüttelt im Buch „Jenseits der Staatsräson“ an der deutschen Erinnerungskultur. Ein Gespräch

Mein Gespräch mit Jacob Eder von der Barenboim-Said-Akademie Berlin
in: der Freitag, 8. Juli 2026

[Auszug]
An der Berliner Barenboim-Said-Akademie lehren Sie jungen Musiker:innen aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Israel Geschichte – lauter Menschen aus verfeindeten Ländern. Wie schaffen sie es, deren widersprüchliche Narrative ins Gespräch zu bringen, ohne dass es zu Streit und Abbrüchen kommt?

„Die Barenboim-Said-Akademie ist zunächst eine Musikhochschule, die gemeinsame Klammer ist die Musik. Zur musikalischen Bildung zählen wir aber auch humanistische Bildung: die Begegnung mit den Geschichten, Erfahrungen und Erzählungen der jeweils „Anderen“. Stereotype und unbewusste Vorurteile speisen sich bekanntlich aus vereinfachten, aber unvollständigen Narrativen, die wir über uns selbst und andere erzählen. Wenn wir im Dialog solche Narrative identifizieren und hinterfragen, erhöht das die Skepsis gegenüber vorschnellen Urteilen. Polarisierende Fragen werden darüber überhaupt erst gemeinsam besprechbar.
Das erleben wir sehr praktisch, wenn israelische und palästinensische Studierende über 1948 diskutieren – Israels Staatsgründung und die „Nakba“ – oder wenn wir hören, was es bedeutet, als junge Musikerin im Iran aufzuwachsen, wenn türkische Studierende die Geschichte der „Gastarbeiter“ erklären oder allen bewusst wird, dass sie über einige Herkunftsländer ihrer Kommilitonen absolut gar nichts wissen. Meinungsverschiedenheiten bleiben mitunter bestehen, aber ohne die Vertrautheit mit der Sichtweise der jeweils anderen Seite und die Erkenntnis, dass jedes Narrativ seine eigene Geschichte und Funktion hat, lässt sich nicht einmal die Grundlage für ein Gespräch legen.“

>> zum Artikel, der Freitag, 10. Juli 2026 (paywall)

Tribute to Tomi Reichental

My Nazi grandfather sent Tomi Reichental to Bergen-Belsen death camp 
Despite all the suffering he endured, the Holocaust survivor chose compassion over hate
Alexandra Senfft in: Irish Times, 2. Juni 2026

„I was deeply anxious during the train journey from Vienna to Bratislava, the Slovak capital, in 2014. Holocaust survivor Tomi Reichental was expecting me there, together with Gerry Gregg’s film crew. They were shooting the documentary Close to Evil. 

Tomi was born in Czechoslovakia but moved to Ireland in 1959. He had been a young boy when he and his family were deported by the Nazis to the Bergen-Belsen concentration camp in Germany in 1944. Tomi survived, but 35 of his relatives were murdered in the Holocaust; his grandmother died before his eyes in the camp.

My grandfather, however, was Hanns E Ludin, the “envoy of the Third Reich to Slovakia”, and it was he who signed the deportation orders. Ludin was convicted as a war criminal and executed in Bratislava in 1947.

Tomi’s and my family histories were thus tragically intertwined…“

>> weiterlesen, Irish Times, 2. Juni 2026

Foto: Tomi Reichental mit Alexandra Senfft und ihrer Tochter Magdalena bei den Dreharbeiten zu Close to Evil, Bratislava 2014

Wer in der NSDAP-Mitgliederkartei seinen Opi findet, kann die Wahrheit trotzdem leugnen

Seit der Online-Öffnung der NSDAP-Mitgliedskartei suchen viele Deutsche dort nach ihren Vorfahren. Doch was kann die Privat-Recherche in Zeiten der AfD bewirken? „Wie hätte ich mich damals verhalten?“ ist jedenfalls die falsche Frage

von Alexandra Senfft
der Freitag, 4. Juni 2026

„Ein Blick in die Ende Februar online gestellte NSDAP-Mitgliedskartei, schon finde ich meinen Großvater väterlicherseits: eingetreten am 1. Mai 1933. Gerade noch in letzter Minute, denn am selben Tag pausierte die Nazi-Partei, die sich als Auslese der Besten empfand, weitere Aufnahmen bis 1937. Mein Großvater war Ingenieur und baute Brücken, auch für die Nazis. Ansonsten wurde er nicht weiter aktenkundig, er starb bald nach Kriegsbeginn an einem Nierenleiden. Ein Mitläufer war er allemal.

Anders verhält es sich mit dem Vater meiner Mutter. Als Gesandter Nazi-Deutschlands in der Slowakei hatte Hanns E. Ludin die Deportation der slowakischen Juden zu verantworten. Er wurde 1947 als Kriegsverbrecher in Bratislava gehängt. Seine Schuld und deren Leugnung zermürben meine Familie bis heute. Ausgerechnet ihn finde ich bei der Online-Recherche aber nicht beziehungsweise nur unter falsch geschriebenem Namen; ohne sein Geburtsdatum könnte ich ihn nicht identifizieren. Dabei war er ein ideologisch früh gefestigtes NSDAP-Mitglied – er und meine Großmutter traten schon 1930 ein.

Die meisten Nazis waren keine NSDAP-Mitglieder

Die Online-Datenbank alleine hätte mich bezüglich meiner Großväter glatt auf die falsche Fährte geführt. Die NSDAP-Kartei sagt nichts über das Maß individueller Schuld aus. Verbrechen und Beihilfe zum Mord begingen die Nazis auch ohne Parteibuch. Das brauchten sie auch nicht zum Wegsehen…“

>> weiterlesen (der Freitag, 4. Juni 2026, paywall)

Die Last des Schweigens

Folgen der NS-Zeit

Deutschlandfunk Kultur Lange Nacht von Burkard Reinartz, 9. Mai 2026

1933-1945: Die NS-Zeit war recht kurz, doch die Traumata, Schuld und Schweigen prägen Generationen. Immer mehr Nachkommen recherchieren: Auf welcher Seite standen die Vorfahren? Studien zeigen, wie groß die Lücke zwischen Erinnerung und Realität ist.

In diesem langen Podcast von Deutschlandfunk Kultur komme ich mehrfach zu Wort und freue mich, dass ich an diesem außergewöhnlich guten Feature mitwirken durfte.

>> zum Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur, 9.5.25

„Plötzlich war ich Mitglied einer Täterfamilie!“

Mein Interview in: Kulturleben, BR2, 30. April 2026

War Opa ein Nazi? Diese Frage haben sich sicher viele gestellt, die jetzt die endlich online gestellte NSDAP-Mitgliedskartei durchsucht haben. Woher das immense Interesse über 80 Jahre nach Kriegsende? Oder können erst die Enkel das familiäre Schweigekartell durchbrechen? Darüber diskutieren Alexandra Senfft, Buchautorin und Enkelin des NS-Kriegsverbrechers Hanns Ludin, und der TV Moderator Andreas Bönte, Enkel eines Täters bei den November-Pogromen, zusammen mit Andrea Mühlberger. 
Autorin: Andrea Mühlberger
>> zum BR2 Beitrag

Podcast Über Israel und Palästina

Über Schuld, Scham und Verantwortung in Täterfamilien

Am 23. Januar 2026 erschien mein Gespräch mit Shai Hoffmann, der den hervorragenden Podcast Über Israel und Palästina sprechen produziert. Es war ein interessanter Austausch, die Zeit verflog im Nu. Es war mir eine Freude, mit Shai zu reden.

Alexandra Senfft über Schuld, Scham und Verantwortung in Täterfamilien
Über Israel und Palästina sprechen

In dieser Folge spreche ich mit Alexandra Senfft über Schuld, Scham, Verantwortung – und darüber, warum das Schweigen oft lauter wirkt als jedes Wort. Alexandra Senfft ist Autorin und Islamwissenschaftlerin. Seit 1984 reist sie regelmäßig in den Nahen Osten und hat sich früh eine tiefe regionale Expertise erarbeitet. Sie war Pressesprecherin von UNRWA im Gazastreifen während der ersten Intifada und hat politische Gewalt, Alltag und Trauma aus unmittelbarer Nähe erlebt.Zugleich engagiert sie sich seit vielen Jahren in der Erinnerungs- und Dialogarbeit: als Vorständin im Arbeitskreis für die intergenerationellen Folgen des Holocausts, als Vorstand und Mitbegründerin von Parents Circle Friends Deutschland sowie als Beisitzerin des Präsidiums der Lagergemeinschaft Dachau. Ausgehend von ihrer eigenen NS-Familiengeschichte sprechen wir darüber, was es bedeutet, Täter*innenschaft innerhalb der eigenen Familie anzuerkennen – und warum genau diese Auseinandersetzung so schmerzhaft, aber auch so notwendig ist. Senfft hat diese Fragen auch literarisch und analytisch bearbeitet, unter anderem in Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte, Fremder Feind, so nah und Der lange Schatten der Täter. Zuletzt veröffentlichte sie 2024 gemeinsam mit Romeo Franz Großonkel Pauls Geigenbogen, die Familiengeschichte eines preußischen Sinto. Wir reden über Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Relativierung und Schuldumkehr. Über den Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. Und über die Frage, was passiert, wenn Tätergeschichten nicht aufgearbeitet werden – weder im Privaten noch gesellschaftlich. Ein weiterer Fokus liegt auf Dialogarbeit und biografischem Erzählen: Was braucht es, damit solche Räume nicht nur symbolisch bleiben, sondern tatsächlich transformativ wirken? Welche Rolle spielen Initiativen wie der Parents Circle, in denen Menschen trotz Gewalt und Verlust bewusst auf Entmenschlichung verzichten? Diese Folge ist eine Einladung, Widersprüche auszuhalten, Ambivalenzen zuzulassen und Verantwortung nicht als moralische Pose, sondern als Voraussetzung für Empathie und Konfliktfähigkeit zu begreifen.
Gästin: Alexandra Senfft
Host: Shai Hoffmann

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Großonkel Pauls Geigenbogen – neu mit Leseprobe

Die Familiengeschichte eines preußischen Sinto
Alexandra SenfftRomeo Franz

Großonkel Pauls Geigenbogen ist eine faszinierende Familiensaga und zugleich eine sehr gut geschriebene Geschichtserzählung über das Leben von Sinti und Roma im 20. und 21. Jahrhundert. Das verheerende Ausmaß des während des Nationalsozialismus begangenen Völkermordes wird durch die persönlichen Geschichten auf berührende Art und Weise deutlich, ebenso die Folgen des bis heute anhaltenden Rassismus gegen die Minderheit und das aktive Engagement der Communitys für ein gleichberechtigtes Leben.“
Karola Fings, Historikerin

Dieses Jahr lesen wir noch in den Gedenkstätten Ahlem und Mauthausen, sowie auf dem Interkulturellen Fest in Freiburg. Weiter Buchungen sind möglich.

>> Leseprobe book2look

Das berührende Memoir einer preußischen Sinti-Familie

Seit mehr als 600 Jahren leben Sinti in Deutschland, Roma seit 200 Jahren. Ihre Kultur reicht viele Jahrhunderte zurück und ist tief mit der deutschen Historie verwoben. Anfangs noch als Handwerker, Künstler und Kaufleute hochgeachtet, wurden sie schon bald systematisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen und verfolgt. Bis heute halten sich diskriminierende Stereotype und starke Vorurteile gegenüber der größten Minderheit Europas. Der preußische Sinto Romeo Franz kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte von Sinti und Roma. In »Großonkel Pauls Geigenbogen« erzählt er seine beeindruckende deutsche Familiengeschichte. Wohl situiert, waren seine Ahnen bereits im 17. Jahrhundert ansässig in Preußen, Schlesien und Pommern und prägten dort die kulturelle und kaufmännische Welt. Mitreißend erzählt Franz die Chronik seiner Familie vom 19. Jahrhundert bis heute. Schillernde Charaktere und außergewöhnliche Schicksale treten ans Licht – aber auch die Erinnerungen an Ausgrenzung, Abwertung im Kaiserreich und schließlich die Vernichtung durch die Nazis.

Mit großem Stolz gibt er tiefe Einblicke in seine Herkunft und beleuchtet nicht nur die Bedeutung von Musik, Familie und Zusammenhalt, sondern auch die Folgen der fortgesetzten Verfolgung, die bis in die heutigen Generationen nachwirken. Romeo Franz‘ Geschichte ist ein bewegendes Plädoyer gegen Antiziganismus und eine Einladung zur Auseinandersetzung und zum Umdenken hin zu etwas ganz Selbstverständlichem: Gleichberechtigung.

Goldmann – Randomhouse/Penguin, 20. März 2024
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Selbstbehauptung nach Auschwitz

Mein Vortrag „Kontinuitäten des Antiziganismus und gesellschaftlicher Dialog“ im Bayerischen Landtag

Zum Gedenktag an den Auschwitz-Erlass von Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942, der zur massiven Deportation deutscher Sinti und Roma führte, hielt ich am 12. Dezember im Bayerischen Landtag das Hauptreferat „Selbstbehauptung nach Auschwitz Kontinuitäten des Antiziganismus und gesellschaftlicher Dialog“.
Engagierte Ansprachen gab es u. a. von Gülseren Demirel (Grüne Bayerischer Landtag), Marian Offmann (SPD-Stadtrat) und Ex-OB München Christian Ude. Beeindruckend auch der Erste Kriminalhauptkommissar Fabian Freese mit seinem Bekenntnis zur Rolle der Polizei in der NS-Zeit und ihrer Verantwortung heute. Organisiert hatte diese beeindruckende Gedenkstunde mit Musik vom Elias Prinz und Nico Franz Quartett das „Madhouse München“. Durch die Moderation führten Madhouse-Chef Alexander Diepold (Vorsitzender der Bundesvereinigung der Sinti und Roma BVSR) und Gaby dos Santos. Als Gäste anwesend waren unter anderem Patricia Koller, Vorsitzende des Behindertenverbands Bayern e. V., und Ernst Grube (Ehrenbürger Münchens und ehem. Präsident der Lagergemeinschaft Dachau). Dank an die Organisator:innen, alle Mitwirkenden und das aufmerksame Publikum für diesen würdevollen und bewegenden Abend!

Foto: Oliver Stey

Lesung Großonkel Pauls Geigenbogen

Mein Buchpartner Romeo Franz und ich lasen am 2. Dezember auf Einladung des Literaturzentrums Hamburg und der Heinrich Böll Stiftung Hamburg aus unserem Buch „Großonkel Pauls Geigenbogen. Die Familiengeschichte eines preußischen Sinto“. Patricia Paweletz vom Literaturzentrum moderierte uns im schönen Veranstaltungsort „Kölibri“ in Hamburg St. Pauli. Es war eine besonders gelungene Lesung dank des empathischen und engagierten Hamburger Publikums — wir haben uns sehr wohl gefühlt!