Wer in der NSDAP-Mitgliederkartei seinen Opi findet, kann die Wahrheit trotzdem leugnen

Seit der Online-Öffnung der NSDAP-Mitgliedskartei suchen viele Deutsche dort nach ihren Vorfahren. Doch was kann die Privat-Recherche in Zeiten der AfD bewirken? „Wie hätte ich mich damals verhalten?“ ist jedenfalls die falsche Frage

von Alexandra Senfft
der Freitag, 4. Juni 2026

„Ein Blick in die Ende Februar online gestellte NSDAP-Mitgliedskartei, schon finde ich meinen Großvater väterlicherseits: eingetreten am 1. Mai 1933. Gerade noch in letzter Minute, denn am selben Tag pausierte die Nazi-Partei, die sich als Auslese der Besten empfand, weitere Aufnahmen bis 1937. Mein Großvater war Ingenieur und baute Brücken, auch für die Nazis. Ansonsten wurde er nicht weiter aktenkundig, er starb bald nach Kriegsbeginn an einem Nierenleiden. Ein Mitläufer war er allemal.

Anders verhält es sich mit dem Vater meiner Mutter. Als Gesandter Nazi-Deutschlands in der Slowakei hatte Hanns E. Ludin die Deportation der slowakischen Juden zu verantworten. Er wurde 1947 als Kriegsverbrecher in Bratislava gehängt. Seine Schuld und deren Leugnung zermürben meine Familie bis heute. Ausgerechnet ihn finde ich bei der Online-Recherche aber nicht beziehungsweise nur unter falsch geschriebenem Namen; ohne sein Geburtsdatum könnte ich ihn nicht identifizieren. Dabei war er ein ideologisch früh gefestigtes NSDAP-Mitglied – er und meine Großmutter traten schon 1930 ein.

Die meisten Nazis waren keine NSDAP-Mitglieder

Die Online-Datenbank alleine hätte mich bezüglich meiner Großväter glatt auf die falsche Fährte geführt. Die NSDAP-Kartei sagt nichts über das Maß individueller Schuld aus. Verbrechen und Beihilfe zum Mord begingen die Nazis auch ohne Parteibuch. Das brauchten sie auch nicht zum Wegsehen…“

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